„Ich will euch trösten“

Landeskirche: Kirchenpräsident Liebig zur Jahreslosung

Bild zur Jahreslosung 2016

Dessau-Roßlau – Die Jahreslosung 2016 lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ und steht bei Jesaja im 66. Kapitel. Kirchenpräsident Joachim Liebig schreibt in der Zeitung „Glaube und Heimat“ dazu: „Die Themen zum Auftakt des Jahres 2016 sind nicht neu: Menschen auf der Flucht, Krankheit, Hunger und Vertreibung. Verhältnismäßig neu ist jedoch die Tatsache, diese schrecklichen Ereignisse finden nicht länger nur in der Ferne statt. Vielmehr kommen Menschen, die solches überlebt haben, bis zu uns vor die Haustür. Fanatisierte Verbrecher morden in europäischen Städten.“

„Das über Jahre andauernde Gefühl, Deutschland sei von den Katastrophen dieser Welt weitgehend losgelöst, ist nicht länger tragfähig. Die Menschen sind verunsichert, fürchten sich, und nicht wenige reagieren mit Wut. Für die Demagogen unserer Zeit finden sich wiederum einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Die Politiker, die Presse, die Religion oder alles gemeinsam sei schuld an der Lage.

Darum stehen meines Erachtens zwei Gedanken am Anfang des neuen Jahres: Wie werden wir dauerhaft mit den geflüchteten Menschen in unserer Mitte zusammenleben? Und wie wird es uns gelingen, die erschreckenden Spaltungen in unserer eigenen deutschen Gesellschaft zu heilen? In diese Situation tritt die Herrnhuter Jahreslosung aus dem 3. Jesaja-Buch. Der Prophet spricht zu einem zerstörten Israel und sagt Trost zu. Das Bild für diesen Trost zählt zu den zentralen Bildern der gesamten Menschheit. So trostvoll wie eine Mutter ihr Kind in den Arm nimmt, so spricht Gott zu seinem Volk. Die ersten Hörer dieses Prophetenwortes hatten allen Grund, an der Wirksamkeit von Gottes Wort zu zweifeln. Es gab für sie keine Zukunft mehr, und Gottes ursprüngliche Zusage an sein Volk schien über Generationen im Exil zerbrochen zu sein. Erst im Rückblick erfährt Israel, wie sehr Gottes Treue Bestand hat. Das Volk kehrt zurück und der Trost wird Wirklichkeit.

Es braucht keine Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung in unserer Zeit, um die schwindende Bindungskraft von Worten des Glaubens zu beschreiben. Gerade in Mitteldeutschland fühlen sich weniger Menschen denn je von Gottes Wort angesprochen. So viele auch ein Wort des Trostes suchen, in der Heiligen Schrift scheinen sie es nicht zu finden. Daher stellt die Jahreslosung eine doppelte Aufgabe: Allen, denen Gottes Wort das Fundament ihres Lebens ist, dürfen kindlich auf seinen Trost Vertrauen. So getröstet sollen wir Christenmenschen anderen zum Trost werden.

Dazu gehören die Menschen, die aus Bürgerkrieg und Elend fliehen ebenso wie diejenigen, die sich in unserer Mitte vor der Zukunft fürchten. In der trostvollen Gelassenheit unseres Glaubens stellen wir uns den Hilfebedürftigen an die Seite und treten damit den Demagogen beherzt entgegen. Mit der langmütigen Geduld mütterlich Getrösteter versuchen wir, die Gräben in unserer Gesellschaft zu schließen. Wir hören zu und erklären; wir helfen und lassen damit unseren Glauben Realität werden. Wir treten der eigenen Überforderung entgegen, indem wir uns immer wieder neu von Gott trösten lassen. Dazu suchen wir täglich Hilfe im Gebet, im Lesen der Heiligen Schrift und in der Gemeinschaft des Gottesdienstes. Unser Land braucht Trost. Unser Land braucht Menschen, die getröstet sind. Unser Land braucht Menschen, die andere trösten. Vor mehr als 2500 Jahren hat Gott den Propheten Jesaja diese Worte sagen lassen. Heute sagt Gott diese Worte zu uns. Zurückhaltend aber hoffnungsfroh, gelassen aber belastbar gehen wir unter diesem Motto in das neue Jahr. Was kann uns Besseres geschehen, als Gott an unserer Seite zu wissen – trostvoll wie eine Mutter.“

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