Herbstsynode 2025 | Rede von Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer
Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer spricht zu den Synodalen
Die Rede zum Download
Es gilt das gesprochene Wort
Hohe Synode wie man so schön sagt, geschätztes Präsidium, werte Schwestern und Brüder!
„Nehmt nichts mit auf dem Weg!“ Diese Worte aus dem Lukasevangelium stehen über dem Bericht des Landeskirchenrates zu dieser Synode.
„Nehmt nichts mit auf dem Weg“ – dieser Rat aus dem Mund des lukanischen Jesus stellt mehr Fragen als er beantwortet. Wie soll das gehen? So, wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man doch auch nicht nichts mitnehmen. Das mag vielleicht vor Beginn der Kirchengeschichte ein guter Rate gewesen sein, aber doch bitte nicht mehr jetzt im Jahr 2025.
Wir nehmen so Vieles mit auf dem Weg! Gehälter und Löhne, Gebäude und Pensionsverpflichtungen, Miet- und Bürokosten. Wir nehmen Erfahrungswerte aus der Zeit vor und nach der friedlichen Revolution mit, Ereignisse und Entscheidungen aus einer Zeit, die in ihrer unmittelbaren Prägekraft mindestens bis 1919 zurückgeht, vielleicht sogar bis in die Reformationszeit.
„Nehmt nichts mit auf dem Weg“ – das mutet so sinnvoll an wie der oft als Kommunismus der Urgemeinde verspotteten Bericht aus der Apostelgeschichte, dass die frühen Christen „alles gemeinsam“ hatten. Also wirklich.
„Nehmt nichts mit!“ Wer das behauptet, wer behauptet, dass wir als Christinnen und Christen nichts mitnehmen sollen oder sollten auf dem Weg, also keinen Besitz, der hat nur dann Recht, wenn der Kontext beachtet wird. Und die wichtige Voraussetzung dieses Rates nicht überliest. Im Landeskirchenamt halte ich derzeit alle Andachten vor Sitzungen aus den Tageslesungen des Benediktinerordens. Die Regel des Benedikt ist in Tagesabschnitte aufgeteilt, und diese uralte Regel ist erstaunlich aktuell für das Leben eine Gemeinschaft, bis heute. Ersetze Abt dich Kirchenleitung oder, heute, auch Synode! Und durch Präses. D ort also heisst es in einem Tagesabschnitt: „Vor allem dieses Laster muss mit der Wurzel aus dem Kloster ausgerottet werden. Keiner maße sich an, ohne Erlaubnis des Abtes etwas zu geben oder anzunehmen. Keiner habe etwas als Eigentum, überhaupt nichts, kein Buch, keine Schreibtafel, keinen Griffel – gar nichts. Den Brüdern ist es ja nicht einmal erlaubt, nach eigener Entscheidung über ihren Leib und ihren Willen zu verfügen.
Alles Notwendige dürfen sie aber vom Vater des Klosters erwarten, doch ist es nicht gestattet, etwas zu haben, was der Abt nicht gegeben oder erlaubt hat. „Alles sei allen gemeinsam“ (Apg 4,32), wie es in der Schrift heißt, damit keiner etwas als sein Eigentum bezeichnen oder beanspruchen kann. Stellt es sich heraus, dass einer an diesem sehr schlimmen Laster gefallen findet, werde er einmal und ein zweites Mal ermahnt. Wenn er sich nicht bessert, treffe ihn eine Strafe.“
„Nehmt nichts mit auf dem Weg!“ Klingt sinnvoll in der Gemeinschaft eines Klosters, nach dem Gelübde des Gehorsams und der Armmut. Aber für uns?
Liebe Synode, ich bin froh über das, was die evangelische Landeskirche Anhalts auf dem Weg mitgenommen hat. Und wen. Ein überreicher Schatz!
Menschen, die für ihren Glauben eingetreten sind und dafür erhebliche persönliche Einschränkungen in Kauf genommen haben. Menschen, die ein weites Herz hatten und einen klaren Verstand, und aus ihrer Zeit und ihrem Erkenntnisstand heraus Zukunft gewagt haben und Aufbrüche. Menschen, die ihre Zeit, ihre Geld, ihre Ideen einsetzen für Kirchengebäude. Für Diakonie. Für Mission und Ökumene. Ich bin dankbar für Gebäude, Räume und Kirchen, in denen Menschen Schutz und Trost, Wegführung und Heilung gefunden haben, Klarheit und Orientierung. Wir haben so viel Gutes auf dem Weg erlebt und erfahren. Es ist gut und wichtig, dass wir uns dessen bewusst werden, sind und bleiben. Es ist gut und wichtig, dass wir die Erfahrung der Generationen vor uns zu unserer Erfahrung machen. Und sie auf dem Weg unserer Kirche mitnehmen. In diesem Jahr jährt sich zum Hundertsten Mal der Anhaltische Kirchentag von 1925, der „nicht nur konservativ und rückwärtsgewandt, sondern auch aggressiv“ war. Gewiss kein Ruhmesblatt für unsere Kirche. Aber eben auch eine Erfahrung, die wir als Kirche gemacht haben. Eine, die wir mitnehmen und mitnehmen müssen. Eine, die eine schwere Last ist.
„Nehmt nichts mit“ – wir haben viel mitgenommen, und wir nehmen viel mit. Gelegentlich erscheint es so, dass wir zu viel mitnehmen. Dass unsere Schritte und Wege schwerer werden und immer schwerer. Dass wir so viel mitgenommen und mitnehmen, dass wir kaum noch vorwärts kommen. Ich habe es auf der vergangenen Synode gesagt: Die Zahlen machen ungerührt ihre Arbeit. Sie sind brauchbare und gelegentlich sogar wichtige Indikatoren, aber sie sind noch lange kein Ersatz für eine Strategie.
Kein aber: Unsere Zahlen müssen zu denken geben. Sie als Synode haben es gestern gehört, Sie werden es heute hören: unsere Zahlen machen ungerührt ihre Arbeit, und diese Arbeit, die unsere Zahlen in den letzten Jahren gemacht haben, die lassen für die Zukunft der Landeskirche aus Sicht der EKD und auch aus meinem Verständnis nur diesen einen Schluss zu: Wenn sich nichts ändert, dann wird sich alles ändern. Dann werden wir 2035 nicht mal mit viel Phantasie Geld für unsere Aufgaben, Ziele, Zusagen und Versprechen haben. Das kann keine neue Erkenntnis für sie als Synode sein, aber es wird allerhöchste Zeit, die gewonnenen Erkenntnisse klug umzusetzen. Und nicht mehr alles mitzunehmen, mitzuschleppen. Einige kleine Beispiele:
2026 werden fünf Landeskirchen insgesamt 114 Millionen Euro aus dem solidarischen Finanzausgleich der Landeskirchen bekommen. Die EKBO fast 12 Millionen, die EKM fast 48 Millionen Euro, Die Nordkirche fast 3 Millionen, Sachsen 48 Millionen und unsere Landeskirche Anhalt 3.213.941 EUR. Alle anderen Kirchen geben dieses Geld, allen voran Württemberg 22 Millionen, Bayern 18 Millionen, Hessen Nassau fast 19 Millionen Euro. Diese Gelder werden bis 2035 erheblich zurückgehend ein die Geberkirchen müssen sparen, wenn ich das richtig sehe, spart keine weniger als 30% pro Jahr ein. Durch das Abschmelzen werden uns 2035 statt ein paar Millionen nur einige hunderttauschend Euro überbleiben. Derzeit noch bei gleichbleibenden und sogar leicht steigenden Ausgaben.
Wenn wir weiterhin verbeamten, entstehen laut einem neuen Gutachten bis 2040 Versorgungslasten von insgesamt 153 Millionen Euro. Wenn wir ab sofort nicht mehr verbeamten, werden die Versorgungslasten nur 49,9 Millionen Euro betragen, das sind gut 67% weniger. Geld, das den Gemeinden zugute kommt. Wir lassen dieses versicherungsmathematische Gutachten derzeit prüfen.
Wir sind derzeit dabei, die Organisationskosten des Landeskirchenamtes zu berechnen. Das sind Kosten, die Anhalt aufwendet, weil wir so gern selbstständige Landeskirche sein und bleiben wollen. Das sind damit aber auch Gelder, die nicht direkt den Kirchengemeinden zur Verfügung stehen. Sie tun dies erst in gewisser Weise, wenn es gelingt, das LKA in eine Serviceagentur für die Kirchengemeinden umzubauen. Wir sind da auf sehr gutem Weg, denn ich erlebe überall im LKA hohe Motivation, Dienstleistungsorientierung und gelegentlich sogar Arbeitswille bis hin zur Erschöpfung.
Liebe Synode, wie gesagt: Zahlen sind Indikatoren, aber noch keine Strategie. Eine Strategie für eine Landeskirche darf sich nicht allein den Zahlen verpflichtet wissen, denn eine Kirche ist keine Bank oder kein Aktienfonds. Unsere Strategie muss dem verpflichtet bleiben, was unser Auftrag ist: Das Evangelium auszurichten! Den Gemeinden beste Bedingungen zu schaffen, dass Sie ihren Auftrag erfüllen können. Von daher müssen wir neu denken, ob unsere Struktur unserem Auftrag dient, oder ob es anders herum ist. Dass wir nur noch die Aufträge wahrnehmen, die uns unsere Struktur ermöglicht.
Ich komme zum Schluss. In diesem Jahr sind die Bemerkungen der Einbringung kein munterer Reisebericht, den gebe ich gern gelegentlich an anderer Stelle.
Zum Ende nochmal die Benediktsregel. Die harten Worte des 33. Abschnitts hören sich doch etwas anders an, wenn sie im Kontext gehört werden. Denn der 33. Lesung folgt die 34. Lesung. Da ist das Prinzip der Regel: Sie sucht den Kontext und den Ausgleich. Und so gelingt es ihr wie auch den Bibelwort zu Beginn: Nehmt nichts mit, weil ihr schon alles habt! Christus hat uns begabt, ausgerüstet, wir haben wirklich alles was wir brauchen, damit unser Weg und unser Auftrag gelingt. Deshalb und nur deshalb brauchen wir nichts mitnehmen.
So empfiehlt es die 34- Lesung, die folgenden Wortlaut hat: „Man halte sich an das Wort der Schrift: „Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.“ (Apg 4,35) Damit sagen wir nicht, dass jemand wegen seines Ansehens bevorzugt werden soll, was ferne sei. Wohl aber nehme man Rücksicht auf Schwächen. Wer weniger braucht danke Gott und sei nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit. So werden alle Glieder der Gemeinschaft zufrieden sein. Vor allem darf niemals das Laster des Murrens aufkommen, in keinem Wort und in keiner Andeutung, was auch immer als Anlass vorliegen mag. Wird einer dabei ertappt, treffe ihn eine schärfere Strafe.“ Liebe Synode, liebe Gäste, liebe Landeskirche! „Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle Dämonen und dass sie Krankheiten heilen konnten, und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken. Und er sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. Und wo ihr in ein Haus geht, da bleibt, und von dort zieht weiter. Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie. Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und heilten an allen Orten.“
Das könnten wir sein, ihr Lieben. Herzlichen Dank! Karsten Georg Wolkenhauer