Predigt von
Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer beim Radiogottesdienst in Oranienbaum


Zur Jahreslosung Offenbarung 21,5 V4

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!


Liebe Gemeinde in Oranienbaum und am Radio!

Wenn sie nun diese Predigt hören, ist das neue Jahr 2026 erst 10 Stunden und 30 Minuten alt. Für mich fühlt es sich noch ganz neu an. Und für Sie? Noch werden viele Augen müde sein vom langen Silvesterabend. Einige Ohren dröhnen vom aggressiven Geknalle. Der Kopf etwas schwer, von zu viel Sekt. Und von den Gedanken, die nicht weggehen. Von dem, was endlich anders werden muss im neuen Jahr. Mit mir. Mit einfach allem! Und von dem, was sein durfte, und das Feiern leicht macht. Silvester und Neujahr, das sind für viele Menschen Bilanztage. Schlussbilanz: Was war? Und Eröffnungsbilanz: Womit starte ich ins neue Jahr?


Wie starten Sie in das neue Jahr? Noch lässt sich ja nicht allzu viel sagen über 2026. Noch liegen 364 Tage vor uns, das sind 8.649 Stunden. Noch ist dieses Jahr wie ein neues Buch. Die Seiten frisch geschnitten, sie kleben noch etwas aneinander. Es knackt beim Aufschlagen und riecht ganz neu. Kein Eselsohr, keine Unterstreichung, der Text noch ganz ungelesen, unbedacht. Ein neues Jahr wie ein neues Buch.


Der Predigttext für diesen Neujahrsgottesdienst steht im Buch der Offenbarung im 21. Kapitel, Vers 5: „Gott spricht: Siehe, ich mache ALLES NEU.“
«Alles». Das kenne ich doch aus den letzten beiden Jahreslosungen:
«Prüfet alles» (2025); und: «Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe» (2024).
Und schon damals hat mich das stutzig gemacht. Aber jetzt erst recht: ALLES soll neu werden? Darunter machen wir es nicht? Also gut – liebe Jahreslosungs-Auswahl-Gruppe, wir nehmen die Herausforderung an: hier in Oranienbaum und am Radio: Alles neu! Ja, so soll es sein!


Und schon geht’s los mit dem, was aus unserer Sicht alles grundlegend alles neu werden muss, und zwar dringend: Rentensystem erneuern, Pflege und Gesundheit bezahlbar und erreichbar, Steuergerechtigkeit umsetzen. Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen. Bezahlbarem Wohnraum. Funktionierende Bus- und Bahnverbindungen bis in die Dörfer. Stoppen der Abwanderung aus Sachsen-Anhalt. Wieder Leben in die Dörfer bringen, Familien mit Kindern eine Zukunft geben. Räume für Gemeinschaft und Begegnung schaffen. Äußere und innere Sicherheit gewährleisten für die Menschen im Land.


Und kaum sind die ganz großen Themen abgeräumt, an die sich viel zu lange niemand wirklich heran gewagt hat, da kommen die persönlichen Fragen hochgeschossen. Was alles bei mir neu werden muss. Gesünder essen. Mein Umgang mit Wut. Mit den sogenannten sozialen Medien. Mit meinen Kindern. Mit dem und der Liebsten. Mit meiner Ernährung, meiner Zeit, mit Freunden. Meinem Geld, meinen Schulden. Meinem Körper. Wie schön, wie herrlich, wie einfach wäre es, wenn das alles neu werden könnte. Einfach so.


Oder geht Ihnen das VÖLLIG anders? Sehnen Sie das Neue gar nicht so sehr herbei? Finden Sie es vielleicht sogar bedrohlich? Denn NEU – ist das automatisch GUT? Alles neu: Das löst gewiss auch Ängste aus. Wenn nicht nur das Schlechte und Mittelmäßige neu werden soll, sondern Alles, dann meint das doch: auch das Gute. Das, was mir lieb und teuer ist. Das, was ich aufgebaut erreicht, bewahrt, geschaffen und geschafft habe. ALLES meint auch das, wofür bitte schön eine kleine Verbesserung irgendwann einmal vollkommen ausreichend wäre. Und ganz ehrlich, was ist nicht schon ALLES versucht worden an Verbesserungen? Und was ist dadurch wirklich besser, lebensdienlicher, wirklich NEU geworden? Alles wird neu! Wie fühlen Sie sich dabei?


Alles wird neu, spricht Gott. In eine Welt, in der viele müde sind vom Trott oder von den ständigen Verbesserungen, Änderungen, Neuerungen. Sie auch? Bitte nicht noch mehr Innovation, nicht noch mehr Veränderung. Das hatten wir alles doch schon mal. Jahrzehntelang. Immer wieder. Und am Ende die müde Erkenntnis: Neu ist längst nicht immer gleich besser. Davon können wir vermutlich allesamt hier in Oranienbaum und in Anhalt und Sie mit uns am Radio viele Abende lang erzählen. Und vielleicht sollten wir das sogar.


Liebe Gemeinde,

das biblische Buch der Offenbarung ist im besten Sinn eine Vision. Eine Vision, die etwas erreichen will. Da sieht jemand die Zukunft vor sich. Macht sie sichtbar. Zeigt uns, wie wir uns gut in ihr zurechtfinden.
Und noch viel wichtiger: Wie wir überhaupt aus der Gegenwart in diese Zukunft kommen!
Wie diese Zukunft, die Johannes ganz deutlich vor sich sieht, UNSERE Zukunft werden kann.
Die Offenbarung des Johannes ist von alters her so verstanden worden: Als ein Trostbuch für das Ausharren der christlichen Gemeinde unter den teils grausamen Bedingungen dieser Welt. Haltet durch! Bleibt standhaft, bleibt stabil! Es wird anders, es wird besser werden für euch! Und zwar so richtig!


Der Seher Johannes schreibt das, was er ganz deutlich kommen sieht, an seine Gemeinden. Die waren Teil einer größeren christlichen Gemeinschaft, die sich mit ihrer nichtchristlichen Umwelt zu arrangieren versucht hatte. Kirche in der Gesellschaft, im Volk, im Sozialismus. Man will gut mit den Nachbarn leben und möchte die Annehmlichkeiten einer Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben nicht missen. Der römische Kaiser Hadrianus lässt sich allerdings öffentlich und bis in die Familien hinein als „göttlicher Retter und Schöpfer“ verehren – von allen Untertanen. Das machen tolerieren wohl einige der Christinnen und Christen.


Was ist schon dabei, es sind doch nur Worte, es ist doch nur eine Geste, es ist immerhin der Kaiser. Immerhin der Führer. Immerhin die Partei. Und andere verweigern sich strikt. Manchen das nicht mit. Grenzen sich strikt ab. Diese Christinnen und Christen werden dafür Nachteile auf sich genommen haben, so war es immer, so war es immer mal wieder in unserem Land. Möge es nicht bald wieder so werden! Christsein als Minderheit in der atheistischen Mehrheitsgesellschaft – das Thema könnte ja gar nicht aktueller sein. Wie werden wir mit einer drohenden kirchenfeindlichen, nächstenhilfefeindlichen, isolationistischen, nationalistischen und in alledem für Frieden und Zusammenleben brandgefährlichen Politik umgehen?


Johannes wendet sich mit seiner Offenbarung nur an sieben der christlichen Gemeinden in Kleinasien, vermutlich an Gleichgesinnte. Er spricht sie an:
Geht nicht auf in der Mehrheitsgesellschaft um Euch herum! Fallt nicht auf die Verspechen herein! Finger weg vom Appeasement, vom römischen Weg, von jenem pommerschen Weg der Kirche in der DDR. Hier kommt die Johannesapokalypse zu sich selbst: eine intensive Warnung und Mahnung, genau zu unterscheiden zwischen dem, was für Christinnen und Christen tragbar ist, und der Brandwand zum Nationalismus, Atheismus und Götzendienst.


Erst darin und nur so wird die Offenbarung zum Trostbuch für alle, die sich ermahnen lassen. Nur durch vollständige Trennung von der Welt werdet ihr Teil von diesem neuen Himmel und der neuen Erdem schreibt Johannes. Er warnt und wirbt, lockt und verdeutlicht. Wer sich der Mehrheitsgesellschaft ergibt, dem bleibt das Neue vollständig versagt.


Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu. Johannes vermag nicht zu sehen, dass für ALLE ALLES neu wird! Denn diese neue Wirklichkeit, die Johannes vor sich sieht, die ist nur für diejenigen, die sich von ihm in die Pflicht nehmen lassen. Nur für sie gilt: Kein Schmerz mehr, keine Tränen, kein Leid, sondern etwas ganz und gar Neues. Nur für diesen kleinen Kreis. Für alle anderen, für die Mehrheit also, bleibt die Zukunft wie die Gegenwart: Tränen, Leid und Schmerz wird auch weiterhin das Leben bestimmen. Das ist die schlechte Nachricht, die Johannes überbringt, das lässt sich nicht beschönigen. Hier müssen wir klar bleiben. Alle anderen Nachrichten, die diese wenigen Worte überbringen, sind allerdings wundervoll und tragen das Gelingen der Zukunft in sich.


Siehe, ich mache alles neu, spricht Gott. Das ist eine gute Nachricht. Schon wegen des so unscheinbar daherkommenden griechischen Wörtchens panta, alles. Die wörtliche Übersetzung der Jahreslosung heißt: „Gott sprach: Siehe, ich erschaffe alle Dinge als Neue“. Alle Dinge. Ausnahmslos alle und alles. Eine gute, eine sehr gute Nachricht! Warum?


Die Jahreslosung gewinnt große Kraft aus der Verbindung der beiden Worte Alles und Neu! Liebe Gemeinde, gelegentliche Erneuerungen, große und kleine Veränderungen, graduelle Verbesserungen sind das eine. Das gelingt zum Glück ab und an und muss uns herausfordern, Veränderungen mutig anzugehen und diese Welt zu unserer Lebenszeit mit unseren zweifellos vorhandenen Begabungen ein gutes Stück besser zu machen.


ALLES neu zu machen, das ist das andere. Das schafft keine staatliche Ordnung, keine Partei, keine Gewalt. Kein Mensch und keine Gruppe von Menschen. Am ALLES können wir nur scheitern, und zwar ALLE.


Das „Alles neu!“ wird so schnell zur Parole. Nach dem Motto: Steht doch schon in der Bibel: Alles soll neu werden! Das ginge an dem, was Johannes uns dringlich, kompromisslos und orientierend mit auf den Weg geben will, nun wirklich komplett vorbei. Denn: Es geht Johannes nicht um Mut zur Innovation, es geht um Mut zur Inkarnation. Also dazu, Gott ins Leben zu lassen, und zwar ganz und gar. Mit Haut und Haar. Und Gott hat das vorgemacht.


Gott macht alles neu macht, dann wird wirklich alles neu! Das feiern wir Weihnachten!
Gott wird selbst Mensch, vulnerabel, allein nicht lebensfähig, auf Schutz, Ernährung und Hilfe angewiesenes Menschenkind inmitten von uns Menschen. Lebt als Mensch unter Menschen, stirbt als Mensch unter Menschen. Weihnachten ist keine Idee oder keine kulturelle Verbesserung, Weihnachten macht ALLES NEU im Verhältnis von Gott und Mensch, für alle Zeit.


Die „Zukunft ist ein Gefühl“, sagt die Zukunftsforscherin Florence Gaub derzeit auf vielen Podien. Sie hat Recht damit. Florence Gaub leitet einen Think Tank der NATO in Rom, sie hat für uns alle besser Recht mit dem, was Sie als Zukunft für uns sieht. Sie hat eine Bedienungsanleitung geschrieben für die Zukunft, quasi eine Florence-Offenbarung. Ihr Rat: Sich die Zukunft gemeinsam so gut möglich vorstellen, und dann danach zu handeln. Denn das, was wir heute über die Zukunft denken, prägt unser Handeln so, dass es automatisch zur Zukunft wird.


Ein kleines Restaurant im Sendegebiet. Ein kleines meisterliches Team kocht ein Menü für die Gäste. Und dann kommt der Chef und sagt: Wir kochen jetzt aus dem, was da ist, für euch das, was ihr euch wünscht. Kommt in die Küche, sprecht mit dem Team, wir freuen uns auf euch. Erstaunen an den Tischen. Dann gehen einige wenige in die Küche, zögerlich. Darf man das überhaupt? Dann heiterer Austausch am Herd, Wunschkochen, erstaunen: So habe ich meine Bratwurst mit Milchreis noch nie gegessen! Meine Roulade! Einige bringen ihre Teller zurück und fangen an zu spülen, das Team wächst minütlich, bis sich die neue Wirklichkeit in die Zukunft erstreckt: das kochen wir von nun an immer so.


Das ist ein beliebiges Beispiel für die Arbeit an der Zukunft. Das ist ein Beispiel von so vielen, die ihnen jetzt einfallen werden. Wo jemand ganz unerwartet und unerkannt geholfen hat. Wo sich jemand entschuldigt hat. Wo Menschen mutig und klar der in unserer Gesellschaft sich immer mehr verbreitenden aggressiven Hasssprache mit würdigen und wahren Worten begegnet sind. All dies schafft die Welt neu, jeden Tag ein kleines Stück. Ich danke ihnen allen von Herzen dafür!


Sie, liebe Hörerin und lieber Hörer,

sie sind ein Teil der Zukunft, schon jetzt! Unsere Vorstellung einer Zukunft, in der alle Menschen würdig und liebevoll behandelt werden, weil wir liebesbedürftig und würdig sind. Eine Zukunft, in der wir die beste Version unserer selbst sein dürfen. Eine Zukunft, in der wir als bunte Gemeinschaft miteinander den Wechselfällen des Lebens begegnen, uns trösten und ermutigen, uns miteinander freuen, gemeinsam heulen und feiern. So schaffen wir miteinander Zukunft, die allen zugute kommt. Für unsere Kirche, für unser Land, für Alle!


Wundervoll entlastend dabei ist, dass wir uns nicht um ALLES kümmern brauchen – das ist Gottes Aufgabe. Und das ist gut so. Danke Johannes, für diese ermutigende Wahrheit! Für dieses Zukunftsgefühl.


Gott wird alles neu machen, liebe Gemeinde! Das ist das tröstlichste, bergendste und aktivierendste Gefühl für die Gegenwart. Diese Gegenwart darf rasch Zukunft werden und bleiben! Zu diesem Gefühl lade ich Sie heute und an den kommenden Tagen dieses Jahres herzlich ein. Die neue Gegenwart, liebe Hörerin und lieber Hörer, das sind wir!
Amen.